Dienstag, 1. Februar 2011

"Das Leben"

Vor ungefähr fünf Jahren habe ich noch in München gelebt, das war ein vollkommen anderes Leben. Anderer Lebensrythmus, andere Mitmenschen, andere Einflüsse. Und ich hatte eine ganz andere Persönlichkeit, aber das würde zu weit führen. Wie auch immer, ich hatte damals Klavierunterricht bei einem Privatlehrer, mein Vater konnte sich das freilich leisten. Eigentlich ein ziemlicher Luxus, wenn ich mir das jetzt vor Augen halte. Ich hatte auch ein richtiges Klavier von Yamaha, das hab ich zwar immer noch, aber es steht in München herum, bis ich es abholen lasse.
Wie auch immer, mein Privatlehrer war ein tschechischer Pianist, ein richtiger guter sogar. Er hatte bereits mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu lernen, und das war zu merken. Wirklich, wenn er gespielt hat, hatte ich immer große Lust, die Augen zu schließen und einfach nur zuzuhören, aber das hab ich nie getraut. Ich glaube, ich hatte damals große Furcht, zu viel von mir selbst und meinen Emotionen zu zeigen. Ich habe ihn sehr bewundert und gern gehabt. Ich weiß noch, dass er einmal, an meinem Geburtstag, wie ein arabischer Wüstennomade gekleidet zum Unterricht kam, das dazugehörige Foto habe ich leider nicht mehr. Ein anderes Mal hat er sich als tschechischer Polizist verkleidet, aber diese Aufmachung hat mir gar nicht gefallen.
Überhaupt war er sehr geduldig und menschlich! Ich denke nicht, dass ich sehr fleißig geübt habe, zumindest nicht mehr, als ich 14 Jahre geworden bin. Im Nachhinein glaube ich, dass die Klavierstunden mit die schönsten Kindheitserlebnisse waren, die ich hatte!

Er hatte fast jede Woche ein anderes Dienstauto, denn er hatte einen japanischen Sponsor, der ein Haus in einem ziemlich teuren Münchner Bezirk hatte. Dort fanden auch alle sechs Monate Konzerte statt, bei denen jeder seiner Schüler ein oder zwei Stücke spielen musste. Er hatte viele Schüler, vielleicht 30 oder so, und er hat nicht jeden genommen. Nur welche mit Talent. Er meinte immer, ich hätte durchaus Talent, aber ein wenig mehr Fleiß stünde mir gut.
Doch zurück zum Thema Dienstauto; manchmal hat er mich ein Stück mitfahren lassen, bis zur nächsten Kreuzung, wenn ein Modell mir besonders gut gefallen hat und ich wissen wollte, wie es sich darin sitzen ließe. Einmal hatte er z.B. ein englisches Taxi, eins mit Einstiegshilfe. Also quasi ein Trittpedal, das an der Seite des Wagens angebracht ist, damit man beim Einsteigen auch nicht den Fuß heben muss. Man hatte tatsächlich das Gefühl, wesentlich größer und wichtiger als alle anderen zu sein, wenn man in so einem Gefährt saß.

Obwohl ich nicht viel geübt habe, hat er mir sehr viel beigebracht und ich habe all das über Jahre hinweg nicht verlernt. Es gibt ein Lied, was er mir gezeigt hat, ohne das ich gar nicht mehr leben könnte, "Die Brecher". Von wem, keine Ahnung, aber es ist so, als würde dieses Lied mein gesamtes Leben auf einen Punkt bringen. Ich spiele es zwar nicht mehr so oft wie früher, aber allein die Tatsache, dass es existiert, gibt mir eine ungeheure Kraft.

Aber eigentlich wollte ich über eine konkrete Erinnerung berichten. Einmal spielte er mir ein Stück eines tschechischen Komponisten vor und fragte mich hinterher, welchen Titel dieses Stück wohl hätte. Es war sehr modern, so viel weiß ich noch. Eben diese moderne Art der Klassik, die jetzt ganz groß im Kommen ist und in den meisten Fällen klingt wie sinnfreies Gedudel. Aber dieses Stück war nicht so, sondern hatte durchaus eine Aussage. Ich hab minutenlang herumgerätselt, ich glaube, Schweigen ist mir noch nie so leicht zu gefallen. Irgendwann hatte ich dann eine Art Geistesblitz und ich sagte: "Das Leben."
Jedenfalls, ich lag richtig und er freute sich total, dass ich das erkannt hatte. Und seitdem mir diese Situation wieder eingefallen ist, habe ich eine unglaubliche Sehnsucht danach, dieses Stück wieder zu hören. Allerdings habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm und ich weiß auch nicht, wie der Komponist heißt. Und selbst wenn ich es wüsstte, es wäre nutzlos, denn der Mensch ist so unbekannt, dass sein Stück bestimmt nicht leicht zu finden ist.

So, das wollte / musste ich loswerden. :)

In diesem Sinne,
die Sojabohne.

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