Heute in der U-Bahn ist mir ein, nun ja, bemerkenswerter junger Mann begegnet. Ein regelrechter Adonis. Das wusste er nur leider, was mich zum eigentlichen Thema bringt. Dieser Mensch erinnerte mich sehr an die Hauptfigur von Oscar Wildes Roman "Das Bildnis des Dorian Gray". Ein junger Mann, der hoffnungslos in sich selbst verliebt ist. Der, in den falschen Händen, zu einem zügellosen Leben verführt wird. Vergiftet durch ein Buch, das "Yellow Book". Angeblich ist dieses Buch Joris-Karl Huysmans' Roman "Á Rebours" - zu deutsch "Gegen den Strich" bzw. "Gegen alle" - , nachgewiesen ist das aber nicht.
An dieser Stelle hat mich die Neugierde gepackt und ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um das vergiftete Buch zum Geburtstag - den ich vorige Woche verzeichnen durfte - geschenkt zu bekommen.
Im Prinzip hat es nicht einmal eine richtige Handlung, denn es erzählt nur von den einsamen Beschäftigungen eines frustrierten Junggesellen. Ein kranker Mann, der von der Gesellschaft seiner Zeit genervt ist und der Meinung ist, es gäbe keinen, der geistig mit ihm mithalten könnte. Er liebt das Künstliche und bildet in seinem abgelegenen Häuschen alles Natürliche nach. Frauen vergleicht er mit Dampflokomotiven, er sammelt anrüchige Gemälde und Bücher, usw. So besetzt er auch den Schild einer lebenden Schildkröte mit allerlei Juwelen und Kostbarkeiten, damit sie farblich zum Teppich passt. Dass das Tier unter dem ungehören Druck stirbt, kümmert ihn dabei wenig.
Hin und wieder erinnert er sich an sein früheres Leben: seine melancholische Mutter, die sich stets träumend in einer Art Dunkelkammer aufhielt. Diverse Liebschaften und Abenteuer, darunter Frauen und Männer jeden Alters und jeder Wesensart. Ehemalige Cliquen. Und nicht zuletzt psychologische Streiche, die er seinen Mitmenschen ohne deren Wissen spielte, um seine geistige Überlegenheit sich und seiner Umwelt zu beweisen. Vom Rest der Welt will er so wenig wie möglich sehen, aber nach einer Zeit geht er an der Einsamkeit kaputt und sein immer schlechter werdender Zustand zwingt ihn, in die Zivilisation zurückzukehren.
Oscar Wilde und Mellarmé sollen schon davon fasziniert gewesen sein und für Ersteren war es sogar eine Art Bibel. Für Huysmans selbst bedeutete es die Entwicklung vom Naturalisten zum Symbolisten, und von der Bevölkerung wurde es als Beschreibung des damaligen Zeitgeistes, des Fin de siécle, aufgefasst.
Auch ich war fasziniert von diesem Buch, ohne recht zu wissen, warum. Vom ersten Wort an hat es mich gefesselt und trotzdem hatte ich am Ende das Gefühl, den Sinn und Zweck des Ganzen nicht wirklich verstanden zu haben. Laut "Das Bildnis des Dorian Gray" hat das besagte "Yellow Book", der "französische Roman", eine ähnliche Wirkung bei Dorian Gray hervorgerufen.
Ich kann allerdings nicht verstehen, was an "Á Rebours" anstößig oder verführend sein soll. Vielleicht liegt das daran, dass wir heutzutage andere Standards gewohnt sind, z. B. detailliertere Beschreibungen anstößiger Handlungen. Zudem ist mittlerweile vieles, was früher als unschicklich empfunden wurde, weitgehend akzeptiert.
Alles in allem ist "Gegen den Strich" ein grandioses, faszinierendes Buch, das jeder einmal gelesen haben sollte. Dieser junge Mann in der U-Bahn würde dadurch zwar gewiss nicht mehr verführt werden, aber das bringt so ein enormer zeitlicher Unterschied eben mit sich.
In diesem Sinne,
die Sojabohne.
Dienstag, 28. Juli 2009
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